Besuch bei der Gerüstbau-Firma Wahner: So geht es nach zwei Schicksalsschlägen mit einem Vierer-Team und neuen Investitionen in die Zukunft.
Am Tag vor seinem Tod klang er positiv wie eh und je. Bei der Weihnachtsfeier motivierte er die Belegschaft. Er habe keine Angst vor der Zukunft, „wenn ich hier in die Gesichter meiner Jungs schaue“. Gemeinsam habe man in den letzten Jahren „so viel erreicht“. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt Anfang Dezember 2023, dass die Zukunft ohne den „Leitwolf“ Thorsten Wahner würde stattfinden müssen. Ohne den nahbaren, energiegeladenen, innovativen Chef, Netzwerker und Team-Player.
Nach einer Herzattacke starb der Chef der Sulzfelder Gerüstbau-Firma Wahner völlig unerwartet im Alter von 49 Jahren. Sein Motto „Nur gemeinsam hoch hinaus“ war plötzlich eine Herausforderung – vor allem, als sechs Monate nach ihm auch sein Vater Benno starb und die gut 70 Mitarbeiter damit offiziell ohne Führung dastanden.
Dass das Unternehmen trotz der beiden Schicksalsschläge weiter besteht und auf Wachstumskurs geblieben ist, liegt an mutigen Entscheidungen. Im Juli 2024 sprang eine Frau in die Bresche, die sich bis dato aus unternehmerischen Entscheidungen herausgehalten hatte: Thorsten Wahners Frau Sonja.
Sie übernahm offiziell die Geschäftsführung. Ihr zur Seite stehen ihre Schwägerin Eva-Maria Kräutlein (Thorsten Wahners Schwester und Prokuristin) sowie die beiden langjährigen Betriebsleiter Nicolas Howard und Sascha Roos (ebenfalls Prokuristen), denen Sonja Wahner „hundertprozentig vertraut“.
Ihnen überlässt sie weitgehend das operative Geschäft der Eugen Wahner GmbH. Trotzdem musste die 49-jährige Raumausstatter-Meisterin in kurzer Zeit viel lernen. Unter ihrem Mann und dessen Vater hatte sich das Unternehmen vom Maler- und Tüncherbetrieb in einen der versiertesten Gerüstbauer der Region verwandelt hat, mit Spezialaufträgen in weitem Umkreis.
Vor 20 Jahren hatte der Betrieb, der auf Josef Wahners Malergeschäft aus dem Jahr 1853 zurückgeht, nicht einmal ein Drittel der jetzt über 70 Arbeiter und Angestellten. „Wir sind schnell, aber solide gewachsen“, analysiert Nicolas Howard, der seit langem ein enger Mitarbeiter der Chefs war. „Thorsten war ein Trendsetter in der Branche, ist neue Wege gegangen, die er gut kalkuliert hatte – von der Digitalisierung bis zur Ausbildungskampagne.“
Anders als andere Unternehmer habe er seine Mitarbeiter immer einbezogen. „Er hat das Motto ‚Nur gemeinsam‘ echt vorgelebt.“ Nur dadurch habe man nach seinem plötzlichen Tod den Weg der Firma weiter vor sich gesehen und weitergehen können.
Gerüste für Häuser, Kirchen, Schlösser und Burgen
„Das von Thorsten beschworene Wir-Gefühl ist immer noch da“, findet Sascha Roos. Der 43-Jährige hat einst Steinmetz gelernt. Durch Familie Wahner kam er in Kontakt zum Gerüstbau – und war begeistert. „Ich hätte nie gedacht, dass das so innovativ und cool ist“, sagt er. „Ich mag die grobmotorische, vielseitige Arbeit.“ Jeder Gerüstbauer bewege im Schnitt acht bis zehn Tonnen Stahl pro Woche. Jeden Tag rollen durchschnittlich 13 Lastwagen voller Gerüstteile vom Hof.
Vom kleinen Einfamilienhaus- bis zum riesigen Industrie-Gerüst, vom Wetterschutzdach fürs „Haus zum Cavazzen“ auf der Bodensee-Insel Mainau bis zur Einhausung von Kirchen realisieren Gerüstbauer „die spannendsten Projekte“.
Für Spezialbaustellen habe Thorsten Wahner ein Faible gehabt, erinnert sich Nicolas Howard. Der 41-Jährige hat schon als Ferienjobbler auf blau-gelben Gerüsten Höhenluft geschnuppert und heuerte später als Industriekaufmann im Betrieb an. Langweilig werde es als Wahneraner nicht: „Wenn du zum Beispiel als erster Mensch nach 200 Jahren auf der Würzburger Festung stehst und die Kugel vom Turm der Marienkirche in der Hand hältst, freust du dich wie ein kleines Kind.“
Kunden halten der Firma nach Todesfällen die Treue
„Thorsten konnte die Leute motivieren. Sie haben sich mit ihm identifiziert“, erzählt Howard. Nach seinem Tod habe das ganze Team gesagt, da gehe man jetzt gemeinsam durch. „Auch viele Kunden sind nach den Todesfällen auf uns zugekommen und haben gesagt, dass sie uns im Sinn meines Vaters und meines Bruders die Stange halten“, berichtet Eva-Maria Kräutlein.
Das Vierer-Gespann an der Wahner-Spitze hofft, dass irgendwann Thorstens und Sonjas Kinder die Firma leiten werden. „Wir haben weder unseren Sohn Leonard noch unsere Tochter Amelie je gedrängt, in den Betrieb einzusteigen“, sagt Sonja Wahner. „Aber beide sind – zumindest aktuell – fest davon überzeugt, dass sie das wollen.“ Leonard (18) lernt in Weilheim Gerüstbauer, Amelie (20) studiert BWL.
Bis die beiden vielleicht einmal Führungsverantwortung übernehmen, wird Sonja Wahner offiziell Chefin bleiben. „Ich stehe vorne dran, aber wir sind ein Team“, stellt die 49-Jährige klar. Vor einigen Monaten hat das Team, allen voran Nic Howard, eine strategische Investition in die Wege geleitet und ein neues Gewerk ins Wahner-Portfolio aufgenommen: die Beteiligung an der Container Welt Berlin GmbH. Das Vermieten von Büro- und Lager-Containern soll, wie seit langem die Sparte Korrosionsschutz, zu einem zusätzlichen Standbein für die Firma werden – ganz so, wie „Mastermind“ Thorsten Wahner es einst angedacht hatte.
Gleiches gilt für den Kauf eines 4000-Quadratmeter-Grundstücks im neu erschlossenen Marktstefter Baugebiet. Das Areal soll als Lagerplatz und zum Bau einer Halle mit Bürogebäude dienen.
Vor wichtigen Entscheidungen stellen die Wahneraner einander gern die Frage: „Was würd‘ Thorsten sag‘n?“. Wenn eine Baustelle komplex und ein Projekt anspruchsvoll wurde, sei Thorsten Wahners Credo immer gewesen: „Gemeinsam krieg‘ mer des scho‘ hin!“
Seine Familie und das gesamte blau-gelbe Team machen nun genau das: Gemeinsam kriegen sie es hin.
Bild: Diana Fuchs
Text: Diana Fuchs
Sulzfeld: Nach Thorsten Wahners plötzlichem Tod waren Frau, Schwester und Weggefährten gefordert. Wie geht es der Sulzfelder Firma heute?




